Unter der Lupe
Kluge Köpfe, große Herzen: Warum Talent bei uns niemanden abheben lässt
Von Markus Klein
Seit Jahren fördern wir besondere Begabungen in verschiedenen Bereichen. Das geschieht auf unterschiedlichen Wegen. Zunächst differenzieren Kolleginnen und Kollegen in ihrem Unterricht, das heißt, es gibt in vielen Stunden unterschiedliche Lernniveaus. Ist das nicht mehr ausreichend, wird Frau Colomb-Hansmann, unsere Betreuerin im Bereich Begabungsförderung, hinzugezogen und prüft, ob eines unserer Fördermodelle greifen kann. Akzeleration und Enrichment sind hier Möglichkeiten, über die eine gezielte Förderung ermöglicht wird. Beim Drehtürmodell lernt man z.B. gleich mehrere Sprachen als nötig, man besucht z.B. eine höhere Klasse oder einen Sprachkurs, den es in der eigenen Jahrgangsstufe noch gar nicht gibt. Das Anstreben und die Belegung von sprachlichen Zertifikaten (Cambridge/DELF, DALF) und die Vorbereitungen dafür sind im sprachlichen Bereich sehr wertvoll.
Im naturwissenschaftlichen Bereich sind neben unserem Drehtürmodell durch Besuche im Unterricht höherer Jahrgänge auch Angebote der Bezirksregierung fördernd. Die Teilnahme an Wettbewerben in allen Fächern ergänzt unsere individuelle Begabungsförderung an vielen Stellen im Schulleben, egal, ob im naturwissenschaftlichen, sprachlichen künstlerisch-musikalischen oder sportlichen Bereich.
Aber wie ergeht es unseren Schülerinnen und Schülern, die besonders gefördert werden? Wann geht man durch die Drehtür der Förderung? Wie lange dauert so eine Förderung? Kann man den anspruchsvollen Schulalltag denn neben einer gezielten Förderung überhaupt noch bewältigen? Vereinsamt man im Stapel der Aufgaben oder bekommen andere das gar nicht mit?
Wenn ich heute auf unsere Schule blicke und sehe, was im Bereich der Begabungsförderung geleistet wird, dann tue ich das mit einer gehörigen Portion Demut und einer tiefen, ehrlichen Bewunderung. Ich will von Anfang an ganz offen zu Ihnen und euch sein: Ich selbst war in meiner eigenen Schulzeit nie besonders begabt. Die ganz großen Geistesblitze in Mathematik blieben bei mir aus, und die Sprachen fielen mir auch nicht einfach so in den Schoß. Umso berührter und stolzer macht es mich zu sehen, welche Talente sich an unserer Schule entfalten dürfen und mit wie viel Herzblut wir diese fördern.
Ein Bild hat sich mir in diesem Schuljahr besonders eingeprägt: Da sitzt Moritz, ein Schüler aus der 6. Klasse, ganz selbstverständlich im Unterricht einer 9. Klasse. Auf seinem Tisch liegt der Satz des Pythagoras. Natürlich braucht Moritz (nach eigenen Angaben) manchmal vielleicht zwanzig Minuten länger als die älteren Jugendlichen, um die komplexen Inhalte ganz zu durchdringen. Aber dann macht es klick – und er hat es verstanden. Seine außergewöhnliche mathematische Begabung zeigte sich nicht erst gestern; schon in der Grundschule war er gut in dem Fach und in der 5. Klasse hat er überaus erfolgreich an der Matheolympiade teilgenommen.
Dass Moritz heute dort sitzt, wo er ist, verdanken wir auch der Achtsamkeit von Lehrerinnen und Lehrern, die genau hingeschaut haben. Sie haben bemerkt, wie schnell und talentiert er im Fach Mathematik agiert. Und Moritz ist kein Einzelfall. In meinem Büro sitzen zwölf Schülerinnen und Schüler, die mir in meinem Interview alle Antworten geben.
Der Blick der Lehrkräfte ist nur ein Teil des Ganzen. Oft sind es die Eltern, die eine besondere Begabung zu Hause zuerst wahrnehmen, oder auch die Schülerinnen und Schüler selbst, die spüren, dass sie in einem Bereich unterfordert sind. Manchmal braucht es einfach ein gesundes Quäntchen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten: Jannes zum Beispiel sagt heute mit einem richtig tollen und gesunden Selbstbewusstsein, dass er eigentlich schon immer wusste, dass er gut in der Schule ist. Es ist wunderschön zu sehen, wenn junge Menschen so zu ihren Stärken stehen können.
Besonders glücklich macht mich dabei die Geisteshaltung unserer Schülerinnen und Schüler. Bei aller Begabung sind sich alle Beteiligten vollkommen einig: Diese besonderen Talente machen niemanden zu einem besseren Menschen. Lorin hat das in unserem Gespräch wunderbar auf den Punkt gebracht, als sie sagte, sie sei ja auch gar nicht in allen Fächern gut. Aber sie wird an unserer Schule eben genau in dem Fach gefördert, in dem ihre Stärke liegt. Schließlich kann jeder Mensch irgendetwas besonders gut – und bei uns an der Schule sind diese Stärken eben manchmal auch die klassischen Schulfächer.
Möglich wird diese flexible Förderung u.a. durch unser sogenanntes Drehtürmodell. Dieses Modell sieht vor, dass Schülerinnen und Schüler für eine gewisse Zeit den regulären Unterricht ihrer Klasse verlassen, um am Unterricht einer höheren Jahrgangsstufe oder an speziellen Projekten teilzunehmen. Ein wichtiger Hinweis für uns ist es oft, wenn Jugendliche sich in einem Fach langweilen oder Aufgaben in Windeseile fehlerfrei erledigen. Damit die Jugendlichen in dieser Zeit den Stoff ihrer eigentlichen Klasse nicht aus den Augen verlieren, stehen ihnen manchmal verlässliche Lernpartner zur Seite, die sie unterstützen und auf dem Laufenden halten – ein großartiges Zeichen für den Zusammenhalt bei uns.
Hinter den Kulissen zieht hier Frau Colomb-Hansmann die Fäden. Als zentrale Ansprechpartnerin hält sie die Augen offen, spricht begabte Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern aktiv an und organisiert die Förderung an unserer Schule, die dann von unseren engagierten Fachlehrkräften im Alltag umgesetzt wird. Oft spielen dabei Eigenschaften wie Neugier, großes Interesse, Offenheit und auch eine Portion Mut eine Rolle. Unsere Talente nehmen an Wettbewerben teil und sind dort glücklicherweise auch immer wieder besonders erfolgreich.
Als Schulleiter, der selbst eine ganz durchschnittliche Schullaufbahn hinter sich hat, stellte sich mir natürlich irgendwann die Frage: Wie wirkt das eigentlich auf die Schulgemeinschaft? Gilt man da nicht schnell als „Streber“? Wenn man ehrlich ist, sind das die alten Klischees, die man befürchtet. Doch das – so versichern mir alle Schülerinnen und Schüler in unseren Gesprächen immer wieder – ist bei uns überhaupt nicht der Fall.
Förderung ist an unserer Schule etwas völlig Normales und Alltägliches geworden. Jede und jeder weiß, dass die eine eben eine Begabung für Sprachen hat und der andere in den Naturwissenschaften glänzt. Einige lernen bei uns gleichzeitig Latein und Französisch – und den anderen ist das im positivsten Sinne einfach egal. Auf Neid oder Ablehnung ist hier noch niemand gestoßen.
Diese Erkenntnis beruhigt mich zutiefst. Und sie zeigt mir einmal mehr, was für ein Privileg es ist, diese Schule zu leiten. Wir haben hier nicht nur wirklich kluge, sondern vor allem auch unglaublich lebenslustige und empathische Schülerinnen und Schüler, die einander den Erfolg von Herzen gönnen.
Ich danke Frau Colomb-Hansmann, dem gesamten Kollegium, den unterstützenden Eltern und vor allem euch Schülerinnen und Schüler für dieses lebendigen und wertschätzende Miteinander. Und für die Bereitschaft, diesen Teil unserer Schule auf der Homepage vorzustellen. Das Interview mit euch hat mir viel Spaß gemacht. Und auch die Lösung für die Schwierigkeit, Förderung von Begabung auf einem begleitenden Foto auszudrücken. Ihr habt mit viel Spaß dieses völlig gestellte Foto mit mir zusammen gestaltet, das sicherlich auch alle Gäste auf unserer Homepage zum Schmunzeln bringt.Weitere spannende Artikel aus der Kategorie unter der Lupe findest du unter diesem Link.